Dienstag, 18. Juni 2013

Guy Fawkes, Erdogan und die "Prism"-Kampagne




"People shouldn't be afraid of their Governments, Governments should be afraid of their people"

Das sind die Worte des maskierten Rächers aus Alan Moores Graphic Novel "V for Vendetta", der mit Hugo Weaving und Natalie Portman verfilmt wurde. Der Ursprung der Guy-Fawkes-Maske als Symbol von Occupy-Bewegungen und der Hackergruppe Anonymous, für Freiheit und Widerstand. Der Film von 2006 wurde gegenüber der Vorlage abgewandelt um der seit 9/11 existenten Hysterie entgegenzukommen. Der Terrorismus wurde zum Fundament für den Polizei- und Überwachungsstaat Sutlers, das Dogma der Sicherheit zur Rechtfertigung für Unterdrückung und Gewalt in einem dystopischen England. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis, dass Demokratie immer auf tönernen Füßen steht solange Menschen sich von Angst  und vereinfachten Leitbildern kontrollieren lassen. 
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 verkündete Francis Fukuyama das Ende der Geschichte im Sinne des hegelschen Weltbildes. Der Kommunismus sei gescheitert und die Demokratie habe sich durchgesetzt. Der Zustand der Vollkommenheit sei erreicht. Dass das nicht der Fall war, wurde relativ schnell klar. Spätestens mit dem religiösen Extremismus trat ein neues (altes) Feindbild die Weltbühne. Es ist immer schwierig über Zeitgeschichte zu urteilen, weil wir alle Teil von ihr sind und von ihren Memen beeinflusst werden. Doch scheint sich seit den Anschlägen des 11. Septembers und in jüngerer Vergangenheit nicht etwas verändert zu haben? Driften wir nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wieder nahe an die verhängnisvollen Frage nach Sicherheit vor Freiheit? Der arabische Frühling strauchelt unter der Unentschlossenheit der vereinten Nationen und den Einwirkungen von Islamismus und Wirtschaftsinteressen. Diktatoren (Assad) und Autokraten (Erdogan) legitimieren Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land unter den Aspekten des Schutzes vor Terrorismus. Zu guter Letzt stolpert Obama noch über das eigene Überwachungsprojekt "Prism". (Die Simpsons wussten es schon lange :D)




Die Welt duckt sich vor einem neuen selbstgeschaffenen Monster, das sich nur zu gern instrumentalisieren lässt. Natürlich ist die Bedrohung durch den Terrorismus real und (manche) Sicherheitsgesetze durchaus sinnvoll. Nur sollten wir uns immer bewusst sein, was eine Umgewichtung der Begriffe Sicherheit und Freiheit für Konsequenzen nach sich ziehen kann. Ob es unsere Leben wirklich sicherer macht oder uns nur das Gefühl gibt sicher zu sein, ist eine berechtigte Frage - Gerade wenn wir dafür Freiheit und Anonymität bspw. im Internet Schritt für Schritt aufgeben müssen. Alan Moores Dystopie, die noch unter der Bedrohung eines dritten Weltkriegs entstand, beinhaltet eine ernstzunehmende Warnung, denn Gut und Böse sind menschliche Parameter und liegen im Blickwinkel des Betrachters. Wir sollten nach Ursachen forschen, anstatt zu urteilen, und die Gründe bekämpfen, die für Radikalisierung verantwortlich sind.

LeO

Samstag, 8. Juni 2013

Tales of the Monkeywarrior Vol. II - Rauch und Spiegel

Tales of the Monkeywarrior Vol. II - Rauch und Spiegel


Das kleine, haarige Wesen auf der Bartheke erinnerte an einen Kobold. Große orangefarbene Augen, breites Gesicht, ein dunkelgolden gefärbtes Fell. Nur dass dieser Kobold mit einem Stock über die Tischplatte hopste, deren helle Oberfläche nach Ewigkeiten der intensiven Saufgelage und einiger Schlägereien zu einem schmutzigen Braun korrodiert war.
Der Tagelöhner mit dem roten, ungepflegten Bart zog eine Augenbraue hoch, als das Tier quiekte und wild mit seinem Zahnstocher herumfuchtelte. Es trug eine Art Mantel und eine Art Gürtel, der sich von der Schulter über den Oberkörper zur Hüfte zog. Gurtan, der neben ihm saß und bereits einige Becher Met hatte, rülpste lautstark und rieb sich die glasigen Augen.
Es war ein harter Tag für den armen Gurtan gewesen. Zuerst hatte er ansehen müssen wie die Steuereintreiber der Gilde seinen Hof in Brand gesetzt hatten und schließlich hatte ihm seine Frau auch noch den Laufpass gegeben. Das war ein Grund, um sein Monatsgehalt in einen Abend Met zu investieren wie der Tagelöhner fand. Zuviel Schicksal auf einmal. Scheiß drauf. Götter waren launige Wesen.
Ein Mann mit rotem Schlapphut und weißen Handschuhen drängelte sich hinter die Theke. Mit aristokratischem Gehabe hob er die Hände über das Tier, das seine wenig bedrohlichen Kampfübungen vollführte. Die Züge seines Gesichts lagen im Schatten der Hutkrempe. Der Wirt, ein dicklicher Mann mittleren Alters, dessen Haar vor langer Zeit ausgefallen sein musste, rümpfte die Nase. Über den Verfall seiner Haarpracht gab es unter dem Tavernenvolk verschiedene Theorien, wobei der Wirt auch ordentlich dazu betrug die aberwitzigsten Geschichten im Umlauf zu halten. So hatte er einmal nicht  ohne Augenzwinkern erzählt, dass er Drachen gejagt hatte und einer von den Mistviechern hätte ihm die Haare vom Kopf gebrannt. Was davon stimmte und was davon erfunden war wusste der Tagelöhner nicht. Genaugenommen waren Geschichten nichts anderes als Rauch und Spiegel, um die banale Wahrheit interessanter zu machen.
Er beobachtete wie das Tier mit dem Zahnstocher herumfuchtelte und dabei klirrend auf einen Humpen eindrosch. Den Humpen schien das allerdings nicht allzu stark zu beeinträchtigen. Ein Murmeln ging durch die Menge der angetrunkenen Gäste.
Was war das für ein Tier? Warum trug es einen Mantel? Warum hopste es auf zwei Beinen über die Theke? Sollte man den Besen holen?
Letzteres quittierte das Äffchen mit einem ablehnenden Quieken. Unter der Decke hing ein dichter Dunst, der das Licht der Kerzenleuchter dimmte und dem Raum eine diffuse Ausstrahlung gab. Der Mann mit dem roten Schlapphut wirkte wie einer dieser feinen Leute, die die Hafenviertel normalerweise nicht einmal mit Greifzange und Leibgarde betreten würden. Der gestutzte schwarze Bart rahmte ein mysteriöses Grinsen ein. Als hätte er etwas zu verkünden, das nicht für alle Ohren bestimmt war. Der Fremde räusperte sich und fand keine Beachtung. Er räusperte sich nochmal und das Gemurmel verstummte in einer Welle, die Stille durch die Taverne spülte.
„Meine Damen und Herren!“, sagte der Mann und strahlte dabei, als sich eine kleine Menschentraube um ihn und sein Äffchen drängelte. „Lassen sie mich ihnen den großen Affenkrieger vorstellen, Necari!“
Das Äffchen Necari hielt den Stab in einer Siegespose in die Luft und streckte dann beide Fäustchen in  die Luft. Es wirkte eher putzig als imposant.
„Wir sind von weit her gekommen. Von jenseits der Berge, wo die Menschen noch mit den alten Wegen der Magie vertraut sind! Dort wo Drachen und Trolle noch ihr Unwesen treiben.“ Der Mann machte eine Kunstpause. Sein Blick ging durch das Publikum aus ranzigen Betrunkenen, die wenn die Taverne nicht so verraucht gewesen wäre, wahrscheinlich nicht sehr angenehm gerochen hätten.
„Mein Name ist Balthazar von den Traumlanden. Ich bin ein fahrender Geschichtenerzähler, der durch Lande reist, in denen Menschen drohen die alten Legenden zu vergessen. Lasst mich euch von dem mächtigen Affenkrieger Necari erzählen.“
Irgendwo im Hintergrund ertönte eine lallende Stimme: „Jetzt hol doch mal einer den Besen und verscheuch die Ratte auf der Theke!“
Ein verärgertes Quieken ertönte, gefolgt von einer drohenden Geste mit der Waffe, die nicht wirklich ernst zu nehmen war.
„Bitte, Sir verärgern sie den Meister des Wujujin nicht. Es könnte ihnen schlecht ergehen wie es einst dem Troll des Karathos schlecht erging!“
„Ach scheiße!“, lallte Gurtan und der Tagelöhner überlegte, ob sein Freund nicht doch genug hatte mittlerweile. „Was soll son Winzling denn fürn Held sein?“
„Er mag nicht sehr groß sein, meine Herren. Aber der Affenkrieger ist stark wie ein Tiger, gerissen wie ein Rabe und schnell wie ein Falke. Ein wahrer Meister der Kampfkunst!“
„Ach labber nicht!“, sagte Gurtan und rülpste.
Eine quiekende Schimpftirade ergoss sich über den Betrunkenden. „Was has du über meine Mutter gesagt, kleine Ratte!?“, lallte Gurtan und hob die Faust. „Diese Faust habe ich damals nem kaiserlichn General innen Arsch geschoben. Er hat heut noch Probleme aufrecht zu sitzen da im Kerker, wo er hingehört.“
Der Tagelöhner wie Gurtan auch nur ein Wort erkannt haben wollte. Für ihn waren es nur keckernde Quieklaute eines hobsenden Äffchens.
„Bitte, Bitte. Zähmen sie ihr Gemüt, mein Herr. Weil Necari einen nachsichtigen Geist besitzt, wird er sie heute Abend verschonen, aber ich würde mir überlegen, wann sie den Mund aufmachen! Die Trolle von Kartharos haben ihn auch unterschätzt und sie haben ihren Fehler bitter bereut, als der Meister sich ihren Keulen stellte und ihre Ärsche aus dem Dorf verjagte, das die Bestien überfallen hatten!“
Blicke gingen von der Hand Balthasars zu dem Äffchen, das nun mit in den Hüften gestemmten Armen und zusammengekniffenen Augen posierte. Allgemeines Gemurmel rollte durch den Raum und irgendjemand hatte einen unappetitlichen Hustenanfall.
Necari zwinkerte dem Tagelöhner zog, der daraufhin ein Stück Brot abbrach und dem seltsamen Tier den Krumen anbot. Das Äffchen nahm das Brot und knabberte mit sichtlichem Vergnügen daran, während der Geschichtenerzähler seine Geschichte erzählte.
„Eines Tages! Meine Damen und Herren, wir befinden uns nun im alten Königreich Mormonia, das im Tal zwischen den eisigen Winden des Nordens und den Steilen Klippen des östlichen Ozeans gefangen ist. Der Winter hört in diesem Land niemals auf, auch wenn die Sonne nie müde wird zu scheinen und gegen die Kälte anzukämpfen, die Städte und  Wälder in ihrem Bann hält.
Mein tapferer Freund hier, war gerade im Hafen des Handelsplatzes Dead Ways End mit einem Handelsschiff eingefahren, als er von der Reling aus erkennen musste, dass die Dächer der Häuser in Flammen standen und Menschen in Panik durch die Straßen rannten.“
Das Äffchen kletterte am roten Ärmel des Geschichtenerzählers hoch, setzte sich auf dessen Schulter und knabberte an dem Brot. Der Stab ruhte nun in einer Halterung auf dem Rücken des Tieres und der Schwanz mit der weißen Fellspitze stand in der Luft wie eine Fackel in einer sich verdunkelnden Nacht.
„Der Affenkrieger zögerte natürlich keine Sekunde und befahl dem Kapitän, der ihm noch einen Gefallen geschuldet hatte an den Docks zu landen, in dessen Wellen bereits brennendes Öl schwamm. Es roch nach Ruß und dichte Rauchschwaden schraubten sich in den vergrauten Himmel, aus dem der ewige Winter auch heute Schneeflocken auf die Erde rieseln ließ.
Die Eistrolle aus den Gletschern des Kartharos hatte der Hunger in dieser Nacht in die Stadt getrieben. Ein Versprechen auf reiche Beute verlieh ihren Keulenschwüngen unmenschliche Kraft und die Aussicht auf eine Mahlzeit ließ sie jeden Gedanken an Gnade verdrängen. Es waren kaltherzige Wesen, deren einzige Freude hauptsächlich darin bestand sich bei Vollmond beim Klang von Trommeln um ein Feuer zu versammeln. Ihre Haut war ledrig und von bläulicher Farbe. Ihr Körper maßen die zweifache Größe eines Mannes und das Trampeln ihrer Füße allein ließ Pferde scheuen. Die Gesichter mit eingefallenen Augen, der hervorstehenden Stirn und den schmalen Wangen blickten ohne Mitleid auf die fliehenden Menschen und die Keulen erschlugen den, der nicht rechtzeitig fliehen konnte, egal ob er eine Waffe trug oder nicht.“
„Eine Frage!“ Es war Gurtan. „Wie kann eine Ra … Ra … Ratte von der Größe meiner Faust einen Troll bekämpfen, der zweimal so groß ist wie ein Mensch?“
„Trolle sind dumm und langsam …“, antwortete Balthasar. „  Mit dem ihm eigenen unbändigen Mut stürmte Necari von Bestie zu Bestie und stach ihnen mit einen Kartoffelschälmesser des Schiffkochs die Augen aus. Seitdem ist er in den Nordlanden unter dem Namen Kugelblitz bekannt.“
„Das ist doch ...“, setzte der Wirt ab, der mit verschränkten Armen neben dem Erzähler stand. „Ey!“
Die Pranke seines behaarten Unterarms förderte die zierliche Hand einer Frau zutage. Ihr schwarze Haar hing an einer Seite herunter wie schwarze Seide. Braune Augen blickten dem Wirt angewidert entgegen. Das Mädchen wehrte sich gegen den Griff des muskulösen Wirts. Dieser lockerte den Griff um ihr Handgelenk nicht, als er das aufgebrochene Schloss an der Wirtskasse entdeckte.
„Was zum ...“ Das Mädchen wechselte einen Blick mit dem Geschichtenerzähler und dem Wirt dämmerte das Spiel. „Diebe! Na warte, du Miststück“, sagte er und förderte von unterhalb der Theke etwas glänzendes und scharfes zu tage. „Du weißt, was hier die Strafe auf Diebstahl ist, Gossenmädchen! Auch wenn es mir in der Seele wehtut einen so schönen Körper zu verschandeln, Diebin.“
Die Bemerkung erntete Gelächter im Publikum, das ausschließlich aus Männern bestand.
„Bitte, Herr Wirt. Ich kann das erklären ...“, sagte Balthasar.
„Was dich und deinen haarigen Freund angeht.“ Er deutete mit dem Küchenmesser auf Beide. „Ihr werdet hier bleiben. Der alte Bill riecht ein Komplott auf Tausend Meilen. Wir hatten schon bessere Geschichtenerzähler und bessere Betrüger hier und wie haben sie alle bezahlt, Gurtan?“
„Mit Hand und Kerker, Herr“, lallte der Betrunkene.
„Aber ...“, stammelte der Geschichtenerzähler. „Ich ...“
„Lass gut sein, Bal. Mein Name ist Ravenna, Arschloch“, sagte sie und trat dem korpulenten Mann in den Schritt. Die Augen schienen aus dem fleischigen Gesicht zu springen und das Messer fiel klirrend zu Boden, als der Wirt in sich zusammensank. Mit einer eleganten Bewegung schwang sich das Mädchen, das sich Ravenna nannte, über die Theke. Sie trug schwarze Hosen und einen eng anliegendes Hemd, der etwas zerschlissen und gar nicht damenhaft wirkte, doch es betonte ihre schlanke Figur. Die Menge der Tavernengäste quittierte das Geschehen mit einer Mischung aus Interesse, Schock und amüsiertem Gelächter.
Erst als die Stimme des Wirts, dessen Stirn vor Zorn und Schmerz rot angeschwollen war hinter der Theke ertönte, reagierten sie. „Ergreift die Diebe!“
Zwei Männer, groß und breit gebaut wie Wandschränke stellten sich der Diebin Ravenna in den Weg. Sie quittierte es mit einem Lächeln und strich sich eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht.
„Ihr wollt mich doch nicht aufhalten, oder?“, fragte sie und über die Schulter gesprochen: „Balthasar jetzt steh da nicht wie versteinert. Wir sollten gehen!“
„Tut mir Leid, Mädchen. Bill ist ein ehrlicher Mann.“, sagte der erste Wandschrank.
„Ja, wir finden es nicht in Ordnung, wenn ihr ihn um sein Geld bescheißt.“, sagte der Zweite.
„Ach wirklich? Das Leben ist hart. Meine Geduld neigt sich dem Ende zu. Letzte Chance.“
„Ihr verlasst diese Taverne nicht“, sagte der erste Wandschrank.
„Nur über unsere Leichen“, sagte der Zweite.
„Das wäre doch eine ziemliche Sauerei“, sagte Ravenna.
Die Berichte über das, was in den folgenden Minuten geschah, gingen weit auseinander, je nachdem, wie stark sich der jeweilige Mann in seiner Ehre und seinem Stolz gekränkt fühlte. Die beiden Männer, die den Eingang verstellt hatten, behaupteten bei der Befragung strikt gar keine Erinnerung mehr an den gestrigen Abend zu haben. Ob das nun an den Blessuren in ihren zugeschwollenen Gesichtern oder an verletzter innerer Eitelkeit lag, wurde nie geklärt. Fakt war, dass der Geschichtenerzähler, das diebische Mädchen Ravenna und ihr kleines Äffchen Necari wie vom Erdboden verschluckt schienen und die Kasse des Wirtes an diesem Abend leer blieb.

LeO

Sonntag, 2. Juni 2013